Freitag, 10. August 2012

Evacuation!

Vorgestern hatte ich richtig Stress! Total brutalen Stress - ich musste evakuieren gehen!

Am Vorabend kommt die Nachricht durch: Morgen früh soll ein Mädchen aus einem Dschungel-Nodecamp zurück ins Village kommen, sie kann nicht in der Hängematte schlafen, sie hat Brustschmerzen. Häh? Na gut, ich kenne sie schon, sie hat gastroösophagealen Reflux, Sodbrennen, ich hab sie vor zwei Tagen gesehen, was kann nur so schlimm sein?
Also am nächsten Tag, um 9:00, zwei Stunden nach dem geplanten Termin, macht sich die Gruppe im Nodecamp in Lapago auf den Weg, es ist eine Stunde durch den Urwald zu laufen bis zur Strasse. Wir treffen sie im Rendezvous-Verfahren auf halbem Weg. Plötzlich sind es übrigens zwei Mädchen, die zu mir evakuiert werden müssen, und eine von denen wird bereits in zwei über einen Baumstamm gestülpten Sarongs von den Lokals getragen!!! Ich werde nahezu nervös! Weiterhin keine medizinischen Infos...
Ich laufe 30 min. mit vier Guides in den Wald hinein, wir sind schnell und konzentriert, und ich freue mich heimlich über diese Möglichkeit, mich zu  bewegen, hoffe, dass wir noch eine Weile brauchen, bis wir die schwer  gehandicapten evakuierungswürdigen 17jährigen treffen, deren Probleme ich hoffentlich als Lapalie betrachten werde.

Tatsächlich treffen wir bald schon die erste Gruppe, das im Sarong getragene Mädchen, sie sitzt auf einem Baumstamm und würgt. Zeit für die Anamnese, sie kotzt seit gestern Nachmittag, hat wässrige Durchfälle und konnte seitdem keinerlei Flüssigkeit mehr bei sich behalten. Meine klinische Untersuchung beschränkt sich auf Pulsmessung: 110. Immerhin! Aber ich bin froh, die Erkrankung kenne ich schon, sie hat sie aus unserem Dorf mitgenommen. Ich hab es schon bei neun Leuten gesehen und ich bin mir zu 95% sicher, dass es innerhalb von 24 h vorbei ist. Ich ignoriere großzügig, dass sie zwischendurch angeblich keine Luft mehr bekommen hat, momentan atmet sie ruhig.

Inzwischen kommt auch die zweite Hälfte der Truppe an, das zweite Mädchen läuft zwar, hat aber zwei Stunden für die 30-Minuten-Strecke gebraucht. Sie übergibt sich zwischendurch auch, das Grundproblem war aber ein anderes, wie schon gesagt. Oder hat sie sich auch angesteckt? Der indonesische Doktor übergibt mir die Patienten, natürlich hat er auch schon intravenös verschiedene Medikamente verabreicht. Der Doktor ist besorgt, er spricht von Evakuierung und Diagnostik in die nächstgrößere Stadt via Flugzeug von dem zweiten Mädchen. Ihr hat er unter anderem ein schönes Schmerzmedikament: Tramadol... Ach, dann weiß ich auch, warum ihr übel ist. Wegen der Schluckschmerzen isst und trinkt sie auch seit Tagen nicht mehr richtig.
Schliesslich kann auch sie nicht mehr weiter. Wir sind seit einer Stunde unterwegs, und in dem Tempo noch zwei Stunden von der Strasse entfernt. Die Träger sind sicher schon lange am Ziel. Ich ordere sie zurück. Sie tun mir ehrlich Leid, die Statur der niedlichen siebzehnjahrigen Halbjamaikanerin erinnert mich an die tennisspielenden Williams-Schwestern. Sie kriegen es trotzdem gut hin, in gut 20 Minuten sind wir raus aus dem Wald und erst ganz am Ende reißt einer der Sarongs.

Gegen 13:00 kommen wir endlich im Dorf an, die Mädels beziehen Quartier in meinen zwei Klinikbetten, bekommen Medikamente zu schlucken, und schlafen erstmal. Nach einer Stunde zwinge ich sie, eine orale Rehydrierungslösung zu trinken. Das Erbrechen/Durchfallsmädchen ist bereits über den Berg! Nichts da mit intravenöser Flüssigkeit, ich werde mich hüten! Das ist meine ultima ratio - mehr kann ich ja auch gar nicht machen...

Die andere hat noch immer so starke schmerzen. Omeprazol reißt es nicht. Und wie sie leidet! Ganz schlecht. Hier muss Ablenkung und Aufmunterung ran, ich hole die Ukulele, mache mich zum Horst, aber die andere kann ein paar Lieder und wir singen, der begleitende Lehrer stimmt mit ein und die Gesamtstimmung steigt, während das Schmerzempfindungsniveau sinkt.

Am nächsten Morgen wecke ich die Mädels um 6:30, bin ja selbst schon seit 5:30 spazieren, die Welt sieht schon freundlicher aus, und am FrühstücksTisch in ganz kleiner Runde (Bats- undButterflies-Team sind schon auf Morgenrunde, also sind nur Ich, Adele - meine roommate, der Lehrer und die Mädels überhaupt im Village) kommen die wahren Probleme ans Licht: Warten auf die Abitur-Equivalent Prufungsergebnisse, wird es für Oxford reichen, die eigenen Ansprüche etc. Ich erkenne meinen eigenen Protektionismus, der Gott sei Dank jedes Jahr weniger wird und fühle mich bekräftigt in der Annahme, dass hier ein primär psychosomatisches Problem vorliegt.
Nur so viel: Später an diesem Tag konnte ich noch ein Benzodiazepin zum Einsatz bringen. Für sie natürlich, nicht für mich. Obwohl ich auch schon schlecht schlafen konnte, weil ich nämlich innerlich die möglichen und aufgrund mangelnder diagnostischer Möglichkeiten nicht mit Sicherheit auszuschließenden Differentialdiagnosen dieses Brustschmerzes durchging.

Die Schwelle, einen vollapprobierten Arzt zu sehen, ist einfach zu niedrig hier. Ich werde mit allerlei Dingen belästigt, die keinerlei Aufregung wert sind. Ich muss immer an meinen Vater denken und verschreibe Bettruhe und viel trinken...

Dienstag, 7. August 2012

Macaques in the fog

Nächster Tag. Sechs Uhr morgens, ich bin mit Jocelyn verabredet, Canadierin, Dissertations-Studentin as well. Bin seit Stunden halb wach halb schlafend, habe Halsschmerzen und fühle mich generally weak, die Nase läuft (nur weil es so heiß ist trocknet sie sofort wieder). The doctor is ill!

Trotzdem breche ich auf, Paracetamol will do. Wir fahren 10 min. mit Auto, steigen aus, zwei Lokals begleiten uns. Wir müssen die Affen erstmal finden. Also sie tun das. Jocelyn erstaunlich planlos. Ein Guide verschwindet, wir steigen mit dem anderen auf einem kleinen Pfad einen Berg im Regenwald hinauf. Es ist halb sieben, die Temperaturen sind zwar noch angenehm und die Sonne kann uns ja nie direkt treffen, trotzdem schwitzt man enorm hier. Nur noch 15 % übrig zum Aufsättigen, dann haben wir 100 % Luftfeuchtigkeit. Ich bin kurz vorm Kollabieren, da erreichen wir den "sleeping tree". Und siehe da, etwa dreißig Makaken tropfen die Lianen an dem mächtigen Feigenbaum herab.

Die Beobachtung beginnt. Jocelyn schreibt das sichtbare Verhalten der Makaken auf. Leider sieht man nur wenig, denn es sind so viele Bäume zwischen uns! Die Gruppe bewegt sich weiter, es wird immer das Verhalten pro zehn Minuten aufgeschrieben. Ich denke, ich bin Konrad Lorenz oder Eibl-Eibesfeld oder noch besser Diane Fossey, was für ein spannendes Buch und Film, Gorillas im Nebel.
Allmählich aber wird mir aber langweilig... Die groomen sich ja die ganze Zeit! Oder essen! Oder laufen! Oder resten! Sie sind infants, juveniles, females oder males, ja, ich kann sie jetzt in der Hinsicht auch schon voneinander unterscheiden! Ein-, zweimal läuft ein Individuum ganz nah an uns vorbei - ein accident quasi - die Kamera ist dann natürlich nie einsatzbereit... Und ich bin leider unfit. Ich setze mich immer öfter hin statt auf die lieben Primaten zu gucken. Schließlich breche ich ab, nach drei Stunden schon, ein Guide begleitet mich zur Strasse, wir rufen ein Car via Funkgerät, und ich packe mich zuhause ins Bett.

Jocelyn wird noch bis 15:00 unterwegs sein, während ich mich zu der Entscheidung beglückwünsche, doch keine Verhaltensforscherin geworden zu sein...

38,2 ° C

38,2°C - Hierbei handelt es sich nicht um irgendjemandes leicht erhöhte Körpertemperatur. Es war die Lufttemperatur auf dem Boden vor unserem so genannten "Restaurant" um 13:00. Im Schatten waren es nur 30°C. Erst am späten Nachmittag schoben sich ein paar Wolken vor die Sonne, auf indonesisch übrigens "mata hari", kommt das jemandem bekannt vor? Ich bin schon adaptiert. Ja, es war ein sehr heißer Tag, aber die Hitze fühlt sich nicht mehr so brutal an wie vorher. Trotzdem, um 12:00 auf die schattenlose Strasse treten, das drückt mich auf den Boden.

Habe den Tag mit dem Butterfly-Team verbracht. Butterflies mögen gemanschte vergärende Bananen. Oder auch nicht, wie die eher geringe Ausbeute der Fallen im Urwald vermuten lässt. Vielleicht sollten die Fallen noch einen weiteren Tag vor sich hingären oder sollte man doch noch Sprite hinzufügen? Butterflies ziehen wohl auch nur nette Leute an, so wie Emma, die Dissertation-Studentin ist (nach 2 Jahren Studium) und Nathan, der ihr Betreuer ist, selbst erst 21 und noch letztes Jahr als Dissertation-Student mit OpWall hier, der gerade sein "degree" beendet hat, in seinem Fall also den Bachelor in Geografie. Dann ist noch ein Volunteer dabei, Shaun, der Biologie studiert. Die Volunteers können in alle Projekte mal so reinschnuppern.  Am Vormittag checken wir Fallen und am Nachmittag sind wir mit drei Schülerinnen, die sogar schon 17-18 Jahre alt sind, unterwegs, laufen ein „Transect" ab, stoppen alle 400 m und identifizieren die innerhalb von 10 m an uns vorbeifliegenden Butterflies. Ja, ich weiß, Schmetterling, aber das Wort geht mir gerade nicht so runter. Kupu-Kupu, könnte ich noch zu ihnen sagen. Kupu heisst Ohr. Es geht ins Farmland hinter unserem Dorf Labundo-Bundo, von dem ich nur die hindurchführende Strasse kenne, die gleichzeitig die Nord-Süd-Verbindung unserer Insel ist und an der eben alle 30 Häuser des Dorfes liegen.
Das Farmland ist eine "highly disturbed area", wir vergleichen das Butterfly-Aufkommen in Anzahl und Artenvielfalt hier mit dem im pristine rainforest.

Leider Krieg ich grad keine Fotos hochgeladen...

Samstag, 4. August 2012

Canopy Access

Der Beinbrüchige ist heute abgereist.
Auch keine neuen Fälle der Gastroenteritis-Epidemie (immerhin 9 Erkrankte, und ich wurde um halb 2 aus dem Bett geholt). Gerade auch keine Schüler anwesend. Endlich Entspannung ;-)


Mittwoch, 1. August 2012

BauBau

Mein Standort um 22:52 am 1. 8. Baubau, Indonesien http://m.google.de/u/m/xyWz6f

Irgendwie das Ende der Welt, für mich aber “die Stadt“, es gibt Bier, was ich nicht vertrage, sowie Batterien und Obst, aber leider auch Ärger und mäßig erfolgreiches Socializen mit mindestens zehn Jahre jüngeren Engländern. Manche Themen hat man einfach irgendwann durch. Mit den einzelben Individuen finde ich eine Basis, mit der Gruppe irgendwie nucht, aber die haben jetzt auch mehr oder weniger jeden Abend gwmeinsam im Dschungel gehockt. Und dann schicke ich wohl den mit der Fraktur nachhause. Fühle mich wie Buhmann, wobei das natürlich mein intrisisches Problem ist.

Nach Möglichkeit poste ich in Zukunft nur noch die positiven Erlebnisse.

Canopy-Access auf angeblich 45 m Höhe geplant für Samstag, zum Beispiel. Vielleicht sogar Canopy-overnight. Civets. Cuscus. Und Tarsiers. Yeah.

Fotos Buton Utara

Ein paar Fotos halt...
Habe Heimweh.
Wir sind heute wieder nach BauBau gefahren und machen Verlaufsrontgen








Montag, 30. Juli 2012

North Buton

Camp Anoa, 29.7.2012

Ich sitze an einem kleinen Wasserfall, einer Wasserstufe, auf einer Mini-Kiesinsel, in meinem Fluss. Hier ist mein kleiner Gegenstrompool, 50 m flussaufwärts ist mein Beach, mein Spa. Um mich herum unendliches Grün aller Schattierungen, undurchdringliches Grün, der kleine Strom reißt eine Schneise hinein und gibt den Blick auf Wolken und Stücke blauen Himmels frei. Die schnellen, neugierigen kleinen grauen Spinnen um mich herum lassen mich kalt. Das Wasser rauscht. Zikaden lärmen...

Mein Sinnieren wird von fanatisch schlangensuchenden OpWall-Researchern (Peter Taylor), -Volunteers (Josh), einem Forrest-Ranger und zwei lokalen Guides unterbrochen. So konzentriert ist Peter bei der Sache, dass er mich erst in zwei Meter Entfernung überhaupt bemerkt, obwohl ich mitten im Fluss sitze. Zu meinem Ärger für die Locals, bin ich NICHT sittlich genug gekleidet. Egal. Sie suchen mein Ufer ab und sind schon vorbei...

Beide namentlich genannten waren in den letzten Tagen schon meine Patienten, und ich bin heute Nachmittag eigentlich vor meinen weiteren Patienten im Camp in die Regenwaldidylle geflohen. Heute hat sich die Lage durchaus ein wenig zugespitzt: Über vier von 20 Schülern habe ich heute Notizen machen müssen! Abgesehen davon, dass momentan kein Leben bedroht ist, bin ich mir nicht sicher, was ich eigentlich am schlimmsten finde. Alle sind Jahrgang 1995, das ist schonmal schlimm. Man kann offensichtlich mit 16/17 seinen eigenen Zustand überhaupt nicht einschätzen. Konnte ich aber möglicherweise auch nicht, zum Beispiel war ich damals dick und hässlich. Ich bin hier froh über mein Alter, meine, räusper, Reife ;-)

Also in chronologischer Reihenfolge: Gestern Abend Fieber bei Beth, ja, sie fühlt sich heiß an, oh, Quecksilberthermometer sagt 39,7°C, sie fragt, was eigentlich normal ist (Kinder, ihr seid mit eurem Biokurs hier!!!). Gott sei Dank, sie hat seit einem Tag einen offensichtlichen, fetten Schnupfen. Lunge und Rachen frei, Haut okay, keine Lymphknoten DD common cold, bekommt Paracetamol. Erbricht mitten in der Nacht plötzlich. Da wir in einem Zwölf-Personen-Armeezelt schlafen, bin ich sofort am Ort des Geschehens. Heute früh besser, aber aufmüpfig, trinkt nicht, nimmt irgendwelche anderen Tabletten, keiner weiss mehr was und wann und wieviel und das Fieber schliesslich wieder bei 39,8°C. Ein weiteres Mädchen fühlt sich schlapp, seit Vormittag, immerhin schon 38°C, ich denke, das bestätigt meine Verdachtsdiagnose zunächst mal. Adenovirus oder so. Schön kontagiös in duesem engen Setting. Mache mir später Gedanken über Dengue und Malaria (und was nicht alles...).
Zuruck zu heute früh. Ich will mit einer Gruppe wieder in den Wald, ziehe mich gerade noch um, man ruft mich, ich denke, weil wir loswollen, aber nein, eine andere sechzehnjährige hat ihre Schnursenkel nicht zugebungen, stolpert und knallt mit ihrem Kinn auf die gegissenen Geh-Steinflecken unseres Camps. Eine Platzwunde, 3 cm lang, klafft submental, die entstehende Narbe gerade ausser Sicht aus ihrem Gesicht. Mir ist sofort klar, dass es genäht werden muss, ich verballere zweimal vier ml Lidocain zur Lokalanästhesie, und bei der ausfuhrlichen Reinigung mit Druck aus einer großen Kochsalzflasche wird das Ausmass des Unglücks in Form von hervorquellendem subkutanen Fettgewebe sichtbar. Auf jeden Fall muss das chirurgisch versorgt werden. Gut, dass ich alles dabei habe, für genau eine solche Aktion, ein Set. Mit Catgut. Absorbierbares Nahtmaterial. Im Gesicht einer Sechzehnjahrigen. Ich. Fachärztin für Innere Medizin. Catgut. Dickes Catgut.. Kurzer Ärger, es hieß von meiner Vorgängerin, wir hätten Steri-Strips in unserer Village-Clinic. Nun gut, was soll ich machen, ich versuche, unter „sterilen" Bedingungen eine tiefe 3, vielleicht nur 2,5 cm messende Platzwunde am Kinn einer Sechzehnjährigen zu nähen. Verdammt nichmal, diese Nadel ist stumpf. Ich komme kaum durch. So geht das nicht, dabei geht mehr Gewebe kaputt als wieder heil. Da sind noch andere Nadeln. In die muss man den Faden aber einfädeln. Habe ich das jemals gemacht? Faden einfädeln? Gibt es das überhaupt noch in Europa? Nein, natürlich nicht! Nun ja, für ganz spezielle chirurgische Indikationen vielleicht. Keine Bedienungsanleitung dabei, leider. Die Nadeln sind übrigens etwa dreimal so lang und dick wie sie für das Gesicht sein sollten. Pinar, sei froh, dass ich damals in Madagaskar Nahtmaterial dabei hatte, auch, wenn wir es nicht gebraucht haben...
Ich bohre mich durch Haut und diesmal hängt es dort, wo der Faden eingefädelt ist. Gott sei Dank hält die Lokakanästhesie! Nach drei Stichen sind die Wundränder halbwegs adaptiert. Es blutet auch nicht mehr. Werde es baldmöglichst
wieder öffnen und mit Steristrips versorgen. Hoffentlich ist das Catgut dann nicht schon mit dem Gewebe verbunden. Dann schneide ich eben nur den Knoten auf. Oh Mann. Expeditionsmedizin, ich habe es ja so gewollt. Letztlich bin momentan nur ich kompetent, das zu tun, was getan werden muss.

Es gibt noch viel zu erzahlen von den Tagen hier, wir haben zum Beispiel eine nicht beschriebene Eidechsenart mit blauleuchtendem Schwanz entdeckt, und ich habe mich neun Stunden lang buchstäblich quer durch den Dschungel geschlagen, über Stock und Stein, Berge hoch und runter, Rattan hat seine fiesen Spikes in meinen Körper geschlagen und ich habe so einige Insekten und Reptilien und Amphibien kennengelernt, aber diese Geschichten muss ich ein anderes Mal erzählen. Auch von Reis, Nudeln und gekochtem Ei ohne alles. Von der ersten Schülergruppe hier letzte Woche, die viel netter war. Von dem Mädchen, das im Tauchcamp eine Insel weiter reanimiert und evakuiert werden musste. Vor allem aber von den Augenreflexen der Spinnen. Sie sind, bei Nacht betrachtet, im wahrsten Sinne des Wortes überall. Kleine leuchtende Glimmer. Überall.

Morgen fahren wir nämlich zurück ins Hauptcamp im Village, Labundo-Bundo. Ich werde den Ort hier vermissen. Mein glasklarer Fluss, die relative Kühle des Urwaldes hier, die Leute, die ich jetzt nach einer Woche halbwegs kennengelernt habe, also die Opwall-Mitarbeiter, die kommende Woche in anderen Nodecamps sein werden und natürlich die Locals hier, für die diese die erste Zusammenarbeit mit Europäern ist und die inzwischen aufgetaut sind und mich zu einer Art Ansprechpartnerin gekürt haben. Die Kleinheit des Camps und die Frische des Flusses werde ich vermissen.

Ich muss noch die Strippen von meiner Hängematte abnehmen, werde ein wenig schwimmen in meiner Gegenstromanlage, mich waschen, und dann wieder zurück zu meinen Patienten dieser dämlichen Schülergruppe, die ihre Binden ins Kompostklo schmeissen.

Zehn Tage ohne Elektrizitat waren nicht so schlimm. Aber: Ich habe sehr grosse Lust, mal wieder ein Bier zu trinken. Wirklich schade, das mit dem Ramadan!

Ach ja, und ich hatte ein neues Gefühl: Ich vermisse Euch...